Hier ein kurze Rezension dieses außergewöhnlichen Buches:
In sieben Kurzgeschichten schlüpft der Autor in die Rolle des Ich-Erzählers, darunter auch in die eines gelähmten US-Rentners, der versucht, in Bangkok zurecht zu kommen und in die eines jungen Mädchens.
Meist geht es um die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens, des Sich-Selbst-Findens in der heutigen thailändischen Gesellschaft.
Farangs
Natürlich werden gern die ersten Zeilen der ersten Kurzgeschichte zitiert, die @Otto53 dazu animierten, diesen thread überhaupt zu eröffnen.
Die Mutter des Erzählers betreibt eine Bungalowanlage auf einer malerischen Trauminsel im Golf von Thailand. Sie wurde von einem amerikanischen Sergeant sitzen gelassen und daraus resultiert ihre Sicht auf die Farangs, von denen sie wiederum ganz gut lebt.
Ihr Halbblut-Sohn steigt vorzugsweise jungen amerikanischen Touristinnen nach, weil er glaubt, irgendwann die grosse Liebe zu finden.
Diese Mädels suchen natürlich nur einen exotischen Urlaubsflirt.
Hier dreht Rattawut geschickt den Spieß um - ich glaube, mehr muss ich nicht sagen...
Der junge Mann hat ein zahmes Hausschwein, genannt Clint Eastwood, das letzte Geschenk seines Vaters.
Irgendwann taucht der abservierte Freund der Ami-Touristin mit seiner Clique auf, die sich wie ein Klischee-Abziehbild von Farang-Touristen benehmen und sogar Clint Eastwood ans Leder wollen.
Rattawut schreibt hier besonders locker und witzig, aber die innewohnende Tragikomik ist nicht zu überlesen...
Im Café Lovely
wird ein 11-Jähriger Junge Zeuge, wie sein älterer Bruder und dessen Clique sich nach dem Schüffeln von Klebstoff mit leichten Mädchen vergnügen...
Einberufungstag
Ich habe schon oft darüber gelesen, dass die Rekruten für die thailändische Armee in einer Art Lotterie ermittelt werden.
Die Freundschaft zweier junger Burschen scheitert beinahe daran, dass der eine sich darauf verlassen kann, dass er aufgrund von Bestechung ein schwarzes Los (keine Einberufung) ziehen wird.
Die Mutter des anderen lässt nichts unversucht, um ihren Sohn heraus zu putzen und zu instruieren, wie er sich verhalten soll.
Man kann sich denken, wie die Geschichte ausgeht...
In den letzten vier Geschichten läuft Rattawut zur Höchstform auf.
Sightseeing
Die Mutter des Erzählers leidet an einer unheilbaren Augenkrankheit und wird irgendwann erblinden.
Der Sohn entschließt sich, das Studium, was er so gerne beginnen möchte, zu verschieben und reist mit der kranken Mutter in den Süden Thailands zum "Sightseeing"...
Priscilla aus Kambodscha
Am Rande eines Neubauviertels entsteht eine Bretterhütten-Siedlung von kambodschanischen Flüchtlingen.
Kinder haben oft weniger Berührungsängste und so entwickelt sich aus anfänglichen Misstönen eine Freundschaft zwischen zwei thailändischen Freunden und einem kambodschanischem Mädchen (die nach Priscilla Presley benannt wurde, weil die Mutter eine Elvis-Platte hat, die man in Ermangelung eines Plattenspielers nicht abhören kann).
Die Thais rotten sich zusammen und fackeln die Flüchtlingssiedlung ab...
Lass mich hier nicht sterben
Nach der Lektüre dieser Kurzgeschichte wollte ich Rattawut spontan für den Literatur-Nobelpreis vorschlagen und dies mit einem der kauzigen Hollywood-Helden von einst verfilmen!
Nie wurde der Zusammenprall von Kulturen intensiver geschildert!
Man sieht den knarzigen, alten, gelähmten Mann im Rollstuhl vor sich, dem in Ermangelung einer Klimanlage vor Hitze fast schlecht wird; dem die eigenen Enkelkinder fremd sind, weil sie anders aussehen und anders sprechen...
Ein Meisterwerk!
Hahnenkämpfer
Um Schuld und Sühne geht es in der letzten, der längsten Kurzgeschichte von Rattawut. Nur dass hier nicht Russland, sondern Thailand der Schauplatz ist - und da ticken die Uhren anders.
In so einer Welt haben die Big Jui's und die Little Jui's das Sagen.
Da ich selbst hin und wieder schreibe, hätte ich als Schluss auch akzeptiert, wenn die Tochter des Hahnenkämpfers dem äußerst fiesen Little Jui das Glied abtrennt - aber Rattawut ist immer für eine Überraschung gut --
lest bitte selbst!!
